Irgendwann muss auch mal Anfang sein!
Es gibt keine perfekten Momente, um mit etwas Neuem zu beginnen. Wozu auch? In praktisch jedem Moment steckt etwas Lehrreiches, ein Erlebnis, Aufregung, Verbindung, eine zukünftige Erinnerung. Also genügend Potenzial für einen Anfang.
Ähnlich ist das mit perfekter Inspiration. Wann immer sie genau in der richtigen Form, Farbe und Dosis auftritt, soll sie dafür sorgen, dass sich das weiße Blatt fast wie von selbst befüllt. Kein Zögern, Korrigieren, Neufassen. – Ein Mythos.
Ich muss zugeben, dass ich lange an diese absurde Idee geglaubt habe, weil es mir so beigebracht wurde: Du kannst etwas oder du kannst es nicht. Was nicht magisch wie von selbst passiert, das bist du einfach nicht. Also lass es.
Ein Rezept fürs Anfangen
Mittlerweile weiß ich, dass in keinem geglückten Anfang Perfektion steckt. Sondern Mut, Beharrlichkeit und Komplizenschaft.
Mut, es sich sozusagen zu erdreisten, etwas Neues zu wagen. Damit erschafft man zunächst eine Fiktion von sich selbst, die allzu leicht als überheblich, traumtänzerisch oder sinnlos abgestempelt werden kann, lange bevor sie real wird.
Beharrlichkeit, weil nichts einfach so von selbst funktioniert, jedenfalls nicht bei mir oder den Menschen, die ich kenne. Es gibt sie, die vermeintlichen Genies, die einen so beeindrucken, dass man ihnen ihre Selbstinszenierung abkauft: dass sie aus dem Nichts in Windeseile ein fertiges Werk erschaffen. Pure Genialität. Von ihnen lernt man, wie hoffnungslos unzulänglich man ist. Doch das ist nichts als Schein, Blendwerk, blauer Dunst. Für die allermeisten von uns führt der Weg über Reflektieren, Ausprobieren, Iterieren, Absolvieren. Also: Machen, machen, machen – dann einen Punkt setzen und noch einmal von vorn.
Komplizenschaft ist vielleicht das Wichtigste. Die ersten Kompliz:innen sind jene Menschen, die einem beibringen, dass man mutig sein darf und dass Beharrlichkeit nicht nur anstrengend ist, sondern bereichernd sein kann. Weil aber die Welt nichts und niemanden erwartet, braucht es noch viele weitere Kompliz:innen, die sich interessieren, sich zuwenden, helfen, ermöglichen. Und das Glück, sie zu finden.
„Was ich schon immer werden wollte“
Gehörst du auch zu den Leuten, die als Kind Lokführer:in, Astronaut:in oder Ballerina:o werden wollten? Vielleicht haben sich deine Träume seitdem verändert. Oder vielleicht bist du tatsächlich genau das geworden, was du dir damals gewünscht hast. (In dem Fall würde ich dich sehr gern treffen und deine Geschichte hören!)
Ich gehöre zu den Kindern, die auf die Frage, was sie mal werden wollen, nie eine Antwort hatten. Und zu den jungen Erwachsenen, die sich die Frage gefallen lassen mussten, warum aus ihnen nichts wird. Ich habe immer Musik gemacht und es mehr als alles andere genossen, wenn sich meine Klänge mit denen von anderen vermengt haben. Hin und wieder entstanden Songs, später philosophische Textfragmente (ich darf das so nennen, denn ich habe das studiert) und Ideen, die keinen Raum bekamen.
Dass ich jemals Romane und Kurzgeschichten schreiben würde, war nicht geplant. Es ist mir einfach passiert, weil die Umstände gestimmt haben. Und das heißt im Klartext: Ich hatte Kompliz:innen, die mir beibrachten, mich mutig als jemanden zu sehen, der es tut. Ich hatte 15 Jahre Übung darin, mit Ausdauer an Text zu arbeiten. Ich hatte Ideen, die unbeachtet auf Halde lagen und darauf warteten, endlich weitergedacht zu werden.
Wie man jemand wird, der etwas Bestimmtes werden will
Also setzte ich mich an einem Sonntag im April 2022 an den Schreibtisch und schrieb eine erste Kurzgeschichte: „ben's“. Es ging ganz leicht und fühlte sich überraschend gut an. Ich ließ sie liegen, überarbeitete sie eine Woche später, dann noch einmal drei Wochen später. Über den Sommer verhallte der Impuls.
Gegen Ende des Jahres kam ich auf die Geschichte zurück, fummelte ein bisschen daran herum und plante weitere, die ich einige Wochen später schrieb. Außerdem begann ich, viel mehr zu lesen und über das Schreiben zu sprechen: Wie es denn wäre, es zu tun, wenigstens immer mal, hin und wieder ... Im Sommer 2023 entstand „Der Porzellanelefant“, eine Kurzgeschichte, die du hier im Journal lesen kannst, wenn du möchtest. Die Idee kam prompt aufgrund eines Stichworts, gegeben als „Writing Challenge“ von einem Komplizen, der schon lange schreibt.
Ende des Sommers beschloss ich, mich an einem Krimi zu versuchen. Ich schrieb eine Kurzgeschichte über eine junge Polizeikommissarin, die Mitte der Neunziger wegen eines verschwundenen Werkenlehrers ermittelt. Der Text geriet recht lang und fühlte sich vage danach an, als stecke in ihm Potenzial für mehr. Einige Komplizinnen lasen die Kurzgeschichte und ermutigten mich, sie weiterzuentwickeln. Ihnen ist es zu verdanken, dass ich zwischen Winter 2024 und Sommer 2026 mutig und beharrlich eine Romantrilogie schrieb, die nun als fertiges Manuskript vorliegt: „Unterm Horizont“.
Unterwegs haben mich viele weitere Menschen unterstützt, damit die Trilogie um Kommissarin Martina Weiß entstehen konnte. Sie alle haben dabei geholfen, dass ich endlich eine Antwort habe auf die Frage: „Und? Was möchtest du später mal werden?“ – Autor.
Nur dass „später“ jetzt ist. Also, gehen wirs an.